Seit wann gibt es die Schulpflicht in Deutschland?

Die Schulpflicht wirkt so selbstverständlich, als hätte es sie schon immer gegeben. Dabei ist sie in ihrer heutigen Form noch keine hundert Jahre alt. Wer verstehen will, warum Deutschland so streng am Schulbesuch festhält, muss einmal zurückblicken.
Diese Seite erzählt die Geschichte der Schulpflicht in Deutschland von den ersten Verordnungen bis zu den Gerichtsurteilen unserer Zeit. Sachlich, verständlich und mit Blick darauf, was das heute für Familien bedeutet. Orientierung, keine Rechtsberatung. Stand: September 2026.
Kurz gesagt: Erste Schulpflicht-Verordnungen gab es in Preußen 1717 und 1763. Eine allgemeine Schulpflicht für ganz Deutschland kam 1919 mit der Weimarer Reichsverfassung. Das Reichsschulpflichtgesetz von 1938 machte den Schulbesuch bundesweit zur Pflicht. Heute regeln die 16 Bundesländer die Schulpflicht in ihren Schulgesetzen, das Grundgesetz stellt in Artikel 7 das Schulwesen unter staatliche Aufsicht.
Die Anfänge: Preußen 1717 und 1763
Den Anfang machte Preußen. 1717 verordnete König Friedrich Wilhelm I., dass Kinder auf dem Land die Schule besuchen sollen, wo es eine gab. 1763 folgte unter Friedrich II. das Generallandschulreglement, das eine Schulpflicht vom fünften bis zum dreizehnten Lebensjahr vorsah. Auf dem Papier war das fortschrittlich. In der Praxis fehlten Schulen, Lehrer und Geld, und viele Kinder wurden auf den Feldern gebraucht. Die Schulpflicht war lange ein Anspruch, kein Alltag. Andere deutsche Staaten erließen im 18. und 19. Jahrhundert ähnliche Regeln, jeder für sich.
1919: die allgemeine Schulpflicht in der Weimarer Verfassung
Mit der Weimarer Reichsverfassung von 1919 wurde die allgemeine Schulpflicht erstmals für ganz Deutschland festgeschrieben. Sie sah mindestens acht Jahre Volksschule vor und schaffte zugleich die bis dahin verbreiteten Vorschulen ab, in denen wohlhabende Familien ihre Kinder getrennt unterrichten ließen. Die Idee dahinter: eine gemeinsame Grundschule für alle Kinder, unabhängig von Herkunft und Einkommen. Der Unterricht zu Hause durch Hauslehrer, vorher in bürgerlichen Familien üblich, verlor damit seine Grundlage.
1938: das Reichsschulpflichtgesetz
1938 fasste das Reichsschulpflichtgesetz die bis dahin unterschiedlichen Regelungen zusammen und machte den Schulbesuch reichsweit zur Pflicht, durchsetzbar mit Zwangsmitteln. Dieses Gesetz stammt aus der Zeit des Nationalsozialismus, was in der heutigen Debatte um Homeschooling oft angeführt wird. Sachlich richtig ist: Die Idee der allgemeinen Schulpflicht ist älter und stammt aus der Weimarer Republik. Die Form der strengen Präsenzpflicht wurde 1938 vereinheitlicht und nach 1945 von den Bundesländern im Kern übernommen.
Die Schulpflicht ist keine Naturgewalt. Sie ist eine Entscheidung, die sich immer wieder neu begründen muss.
Grundgesetz und Bundesländer heute
Das Grundgesetz von 1949 enthält keine ausdrückliche Schulpflicht. Artikel 7 stellt das gesamte Schulwesen unter die Aufsicht des Staates und garantiert zugleich das Recht, private Schulen zu gründen. Die Schulpflicht selbst steht in den Schulgesetzen der 16 Bundesländer, weil Bildung Ländersache ist. Deshalb unterscheiden sich Dauer, Einschulungsstichtag und Sanktionen von Land zu Land, während der Kern überall gleich ist: Gelernt wird an einer Schule, in Anwesenheit. Was das konkret heißt, liest du in Schulpflicht in Deutschland: was wirklich gilt.
Warum Deutschland an der Präsenzpflicht festhält
Immer wieder haben Familien vor Gericht versucht, ihre Kinder zu Hause zu unterrichten. Das Bundesverfassungsgericht hat die Präsenzpflicht mehrfach bestätigt, ebenso der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte. Die Begründung lautet im Kern: Der Staat darf sicherstellen, dass jedes Kind Bildung erhält und Menschen mit anderen Überzeugungen begegnet. Über diese Begründung wird bis heute gestritten, und in vielen Nachbarländern ist Unterricht zu Hause längst erlaubt. Wie die Rechtslage beim häuslichen Lernen konkret aussieht, zeigt Homeschooling in Deutschland. Welche Argumente in der Debatte um eine Abschaffung oder Lockerung eine Rolle spielen, liest du in Schulpflicht abschaffen?.
Was das für Familien heute bedeutet
Die Geschichte zeigt: Die Schulpflicht ist gewachsen, sie wurde verändert, und sie wird weiter diskutiert. Für dich heute gilt der Rahmen, den dein Bundesland setzt. Innerhalb dieses Rahmens gibt es mehr Spielraum, als viele denken: freie Schulen mit ganz anderen Konzepten, zeitweise Befreiungen, in Ausnahmefällen genehmigter Hausunterricht. Welche Wege es gibt, zeigt dir Was sind freie Schulen?.
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